Da diese Route – zu Recht! – sehr bekannt und beliebt ist, kann ich wohl weder mit Worten noch mit Bildern wesentlich Neues beitragen. Mit 1. Oktober wird der Weg „geschlossen“ – wie es heißt: Die Kette der offenen Hütten bekommt Löcher! Ich schildere unsere Erfahrungen aus den letzten Septembertagen 2024.
Die Anreise am Freitag verlief durchaus spannend: Mein Bruder und Hannes kamen – auf unterschiedlichen Wegen – aus dem Osten; ich kam aus dem Norden. In Lienz wurde zusammen gewartet. Eine Stunde später (Hochwasserschäden im Tullnerfeld!) als geplant ging es per Bahn nach Sillian. Um zu einer vernünftigen Zeit mit vernünftigen Kraftreserven für die Folgetage auf der Sillianer Hütte zu sein, hatte ich das Taxi zur Leckfeldalm, dessen Tel. Nummer auf der Reservierungsbestätigung der Hütte zu finden war, bestellt – und dann von unserer Verspätung verständigt. Gegen 16:30 Uhr ging es endlich – nach ca. einer ¾ Stunde Fahrt und anregenden Gesprächen mit unserer Fahrerin – auf Schusters Rappen los.

Der meteoblue-Wetterbericht, noch zu Hause bis Montag eingesehen, erwies sich als zutreffend: auf noch feuchten Wiesen und Waldwegen ging es aus der vom Borkenkäfer verwüsteten Waldregion ins Reich leuchtender Herbstfarben. Vom Heimkehrerkreuz läutete die Glocke.

Etwas nach 18 Uhr meldeten wir uns trocken (!) in der schönen Sillianer Hütte unter unserem Gruppennamen „Karl“ an. Vier oder fünf andere Grüppchen teilten den Gastraum mit uns. Abendessen, Nachtruhe und Frühstück – Luxus auf 2.447 Metern Höhe.
Beim ersten morgendlichen Blick aus dem Fenster (Frühstück ist von 6:30 – 7:30) war der Südwind noch aktiv, blaue Durchblicke auf den Himmel. Als wir gegen 8 Uhr ins Freie treten, kommt der Wind von der anderen Seite. Die Hütte beginnt im Nebel zu verschwinden.

Wenig später wandern wir in einer Graupelschauer Richtung Osten.

Bald weht starker Wind Schnee in unser Gesicht. Die Herbstfarben werden zusehends vom Weiß überpinselt. Die vielen Wegvarianten verleiten uns, statt der Markierung den Steig auf der windabgewandten Seite (Süden) zu wählen – und prompt verpassen wir eine Wendung im Grat und legen eine Extraschlinge ein. Wer schaut schon bei Sturm und Schneetreiben mit klammen Fingern ständig auf die digitale Landkarte? – Wieder am Grat – GPS sei Dank! – können wir ein nachkommendes Paar „auf den rechten Weg“ weisen.
Beim Demut (2.592 Meter) nützen wir das unterirdische Kriegs-Bauwerk für eine kurze, windgeschützte Essen/Trinkpause.

Weiter geht es in der Winterlandschaft, dem Ziel Obstanser-See Hütte entgegen.

Als wir diesen zauberhaften Fleck erreichen, taucht die Sonne das verschneite Gelände in gleißendes Weiß.

Die beiden Paare, die vor bzw. nach uns gekommen sind, beenden hier den heutigen Tourentag (wie verständlich!). Wir entschließen uns – ungeübt, einen ganzen Nachmittag auf einer Hütte zu verbringen – für den Weiterweg. Erst die letzten 100 Höhenmeter auf die Pfannspitze (2.678 Meter) sind wieder vernebelt.

Dann winkt bei steigendem Luftdruck mit der Große Kinigat (2.689 Meter) der erste „Klettersteig“.
Am Gipfel begegnen wir einem jungen, italienischen Paar. Wir bieten einander das Gegenteil eines Selfies an – gemeinschaftliche Gesten Italien-Österreich tun auf diesem Weg gut: Er soll ein Friedensweg sein. Das mächtige Gipfelkreuz wurde für alle Opfer des Krieges vom Österreichischen Bundesheer aufgestellt.

Allmählich wird es uns klar: Die Porzehütte ist heute nicht mehr zu erreichen. Wir peilen die Filmoor-Standschützenhütte an.

Da wir – am letzten Tag – um 17 Uhr unangemeldet daherschneien, verpasst uns der Wirt eine Abreibung, bevor er uns im schon eingewinterten Nebenhaus unsere Matratzen überziehen lässt und wir als einzige Gäste gut bewirtet und mit interessanten Gesprächen belohnt werden. Als wir gegen 21 Uhr schlafen gehen, ist die Holz-Veranda vor der Hütte bereits ein Eislaufplatz.
Der Sonntagmorgen fordert den Speicherplatz unserer Foto-Geräte: Diese Pracht! Diese Schönheit! Das Glück, miteinander und in Frieden heute hier sein zu dürfen! „feel more“ – steht auf der Hütte…


Der lange Grat-Klettersteig zum Wildkarlegg (2.532 Meter) ist deutlich anspruchsvoller als alles Bisherige: Spektakuläre Türme und Höhlen – Langeweile ausgeschlossen.



Über sonnige Wiesen …

… geht es in die Porzescharte und über den versicherten Steig auf den Gipfel,

den wir mit einer Handvoll AlpinistInnen teilen und der uns dann für eine längere Mittagsrast beherbergt.

Der Abstieg ins Tilliacher Joch führt uns in den Schatten. Wasser ist über das Stahlseil gelaufen – ein horizontaler Eiszapfen…


Um 15 Uhr wollen wir noch nicht auf der Hütte sein (Erklärung siehe Obstanser-See-Hütte). Der gute Rat heißt: Bärenbadegg (2.431 Meter).

Als wir die im Tilliacher Joch wartenden Rucksäcke wieder erreichen, werfen die Berge schon lange Schatten, und eine größere Gruppe steuert – vom Hochweißsteinhaus kommend – das selbe Ziel an: die Porzehütte.

Seit zwei Tagen sind wir das erste Mal wieder unter 2.000 Metern. Es ist der 29.9.2024, 17 Uhr. Die erste Hochrechnung der Nationalratswahl verdüstert unsere Stimmung, während wir der sinkenden Sonne unser Gesicht zum Wärmen entgegenhalten.
Eine 12er Gruppe aus Tschechien feiert ihr Miteinander.
Mehrere WanderInnen sitzen zusammen an ihren Tischen. Mein Bruder lädt einen Studenten, der allein sitzt, zu uns ein: interessante Gespräche, fröhliche Runde. Morgen ist die Saison zu Ende. Heute ist unser Lager noch voll belegt.
Das Frühstücksbuffet spielt alle Stücke!
Hannes steigt durchs Tal ab, er will nicht zu spät nach Hause kommen. Mein Bruder und ich können uns noch nicht trennen. Wir wandern hinüber zum Heretriegel, der den Übergang zur Filmoor-Standschützenhütte vermittelt.

Ab hier ist der Weg – da kein Hüttenübergang mehr – wesentlich weniger begangen. Er führt uns durch mehrere prächtige Kare zu weiten, flachen Almwiesen am Fuß des Bösring…


…während aus den Waldregionen die Laute der Hirschbrunft an unsere Ohren dringen.

Nun ist es Zeit, das App zu befragen; der Empfang ist gut genug: Wann sollen wir in Obertilliach sein, um gut nach Salzburg bzw. Wien zu kommen? 12:43 Uhr. Dann geht sich der Hohe Bösring (2.324 Meter) also noch aus.
Über prächtiges Skigelände (kleine Tafeln an den Bäumen beschildern die Route) geht es schließlich dem Tale zu.


Gegen Mittag nähern wir uns dem Biathlonzentrum Obertilliach durch dürren Wald und große Schläge.

Es wird trainiert, der Schnee wartet unter einer riesigen weißen Dämm-Plane auf den Greifarm eines Baggers für seinen allzu frühen Auftritt.

Im Bus nach Sillian sind wir zunächst die einzigen Gäste. Dann steigen zwei ältere Frauen ein. Auf den Wald angesprochen erzählen sie uns, dass diese massiven Schäden fünf Jahre alt sind und so mancher Bauer in schwere Depressionen gefallen ist…

Es braucht einiges an Vorbereitung, um eine Mehrtagestour zu Saisonende durchzuführen. Am Karnischen Höhenweg sind die Hütten – jedenfalls im Großen und Ganzen – bis 30.9. offen. Danach wir der Weg „geschlossen“ – so die öfter gehörte Formulierung. Wir haben nur die erste Hütte vorreserviert. Es empfiehlt sich, die Tel. Nrn. der anderen Hütten zu speichern, um je nach Etappenziel anrufen zu können.
Der Schneefall am zweiten Tag hat der Tour ein herbstlich-alpines Gepräge verliehen und die Fotomotive in der Nähe und der Ferne wesentlich belebt. Gut funktionierende Apps vertreiben im Nebel so manche Sorge.
Die Klettersteige haben uns nie an das fehlende Klettersteig-Set erinnert; allerdings kam der Gedanke an einen Helm hie und da auf.
Dieser Weg erfordert von Natur aus die ÖFFI An- und Abreise.
Wer sich länger vorbereiten kann, könnte sich in die Historie des Gebietes (bes. den 1. Weltkrieg und dem 25.Juni 1967) einlesen um sich vom Motto auf dem Gipfelbuch-Kasten im Sockel des Porze-Kreuzes (Titelfoto) noch tiefer trösten zu lassen.



